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Erfahrungen einer Elternratsvorsitzenden

1992: Meine beiden Töchter besuchen die Grund-, Haupt- und Realschule Hegholt. Damit ich mich gut um die beiden kümmern kann, habe ich meinen Beruf aufgegeben. Ich versorge sie mittags, bin am Nachmittag da, versuche bei Hausaufgaben zu unterstützen, gemeinsam zu üben, aber auch zu spielen und für Abwechslung zu sorgen. Es bringt mir Freude, mit meinen Töchtern zusammen zu sein, und ich erlebe, wie sie sich entwickeln; die eine rasch und ohne meine Hilfe, der anderen müsste ich viel mehr helfen können.

Und nun das! Die Schule strebt die Umwandlung in eine Ganztagsschule an! Bedeutet das etwa den ganzen Tag lang Schule? Schrecklich! Was soll das?

Auf der nächsten Elternratssitzung merkte ich schnell, dass ich mit meiner Einstellung ziemlich allein dastand. Ein Großteil der Eltern war alleinerziehend, die Mehrzahl der Kinder kann am Nachmittag nicht betreut werden, Eltern berichten, dass ihre Kinder auf der Straße spielten, d. h. sich ihre Zeit an Bushaltestellen, auf Bänken oder heimlich auf dem Sportrasen der Schule vertrieben oder im nahe gelegenen Kaufhaus anzutreffen waren; manchmal auch auf dumme Gedanken kamen – und einige schon den ein oder anderen Nachmittagskurs besuchten.

Das warf bei mir viele Fragen auf: „Müssen meine Kinder jetzt den ganzen Tag in der Schule verbringen? Werden mir damit meine Kinder entzogen? Wer soll denn am Nachmittag unterrichten - und was soll am Nachmittag unterrichtet werden? Sind die Lehrer auch bereit dazu? Wie denken die anderen Eltern darüber?"

2002: Trotz meiner vielen Fragen hatte ich mich vor zehn Jahren im Elternrat ebenso wie die anderen Eltern für die Einrichtung der Ganztagsschule am Hegholt ausgesprochen – wie es auch das Lehrerkollegium einstimmig getan hatte. Dieses von Eltern und Lehrern gemeinsame „Ziehen an einem Strang" ist übrigens eine wichtige Grundlage für den Erfolg einer (eigentlich jeder) pädagogischen und auch organisatorischen Maßnahme bei der Erziehung von Kindern!

Der Gedankenaustausch mit Eltern und Lehrern hatte meine Bedenken zwar zu dem Zeitpunkt nicht restlos beseitigt, aber ich hatte inzwischen die guten Gründe erkannt und vertrete sie mehr denn je: Schüler unseres Stadtteils Bramfeld brauchen als Alternative zur Straße ein angemessenes Angebot auch jenseits von herkömmlichen Unterrichtsinhalten am Nachmittag – und sowohl berufstätige Eltern als auch Alleinerziehende brauchen die Gewissheit einer verlässlichen Betreuung ihrer Kinder

Wir hatten uns an der Schule Hegholt für die offene Form der Ganztagsschule entschieden. Es wurde zwar Eltern und Schülern nahegelegt, sich zumindest an einem Nachmittag für das Angebot zu entscheiden – aber es war nicht verpflichtend, sondern freiwillig. Eine solche Form der Schule hatte es bei uns bislang noch nicht gegeben und ich war sehr gespannt, ob unsere Kinder dieses Angebot auch annehmen würden. Und für die Schule war dies ebenfalls eine völlig ungewohnte Situation; sie hatte sich nicht nur geöffnet, sondern sich mit ihrem Angebot „auf den freien Markt" gewagt: Die Schule begab sich in einen Wettbewerb; die Kursangebote mussten so attraktiv sein, dass Schüler lieber freiwillig am Nachmittag in der Schule blieben oder wieder hingingen als durch die Straßen zu stromern oder allein zu Hause vor dem Fernseher zu sitzen.

Inzwischen ist es eine Selbstverständlichkeit, dass in unserer Schule von 8.00 bis 16.00 Uhr – und oft noch darüber hinaus – ein reges Schulleben herrscht. Das unterrichtliche Pflichtprogramm ist größtenteils bis mittags absolviert, anschließend kann jeder, der es möchte, in der Schule ein Mittagessen einnehmen – und hat dabei sogar die Wahl zwischen zwei Gerichten. Wer kann das schon im Hause bieten? Trotzdem ist dieses Mittagessen keine Konkurrenz zum häuslichen; ich weiß aber auch, dass es für viele Kinder die einzige warme Mahlzeit und für einige sogar die erste am Tage ist.

Oft sehe ich eine große Schar von Kinder beim Mittagessen, einige etwas gedankenverloren vor ihren Tellern, die meisten aber in intensiver Unterhaltung. Es herrscht eine angenehme Atmosphäre, das gemeinsame Essen verbindet. Es geht locker, aber nicht ausgelassen zu; eine spezielle Aufsicht durch Lehrkräfte ist nicht erforderlich. Täglich sind auch Lehrer dort und nehmen ihr Mittagessen ein. Sie setzen sich oft zu Schülern ihrer Klasse und wie selbstverständlich setzen sich auch Schüler zu den Lehrern an den Tisch. Dabei entwickeln sich oft kurzweilige Gespräche, manchmal wird eine Unterrichtssituation wieder aufgegriffen und oft entdeckt man auch gemeinsame Themen abseits der Schule. Ein angemessenes Schülerverhalten, wohltuende Höflichkeit registrieren die Lehrer erfreut, verbesserte Tischmanieren erwerben die Schüler en passant.

Im Anschluss an das Mittagessen oder auch direkt nach dem Unterricht können Schüler den Freizeitraum oder das Schülercafé aufsuchen. Hier kann man den ganzen Nachmittag verbringen oder nur die Zeit bis zum Kursbeginn überbrücken. In beiden Räumen werden die Schüler durch eine Sozialpädagogin bzw. eine Erzieherin betreut. Sie sind nicht nur dort, um die Schüler zu beaufsichtigen, sie unterbreiten Angebote wie gemeinsames Spielen, Basteln, regen an zum Lesen, fordern zur Unterhaltung auf und geben Raum zur Entspannung (im Freizeitraum); sie haben ein offenes Ohr für Sorgen, Ängste und Frustrationen, bieten gemeinsames Backen und Teetrinken an und sind darüber hinaus bereit zu Problem lösenden Gesprächen mit Eltern und Schülern (im Schülercafé).

Eigentlich hatte ich ja erwartet, dass es in einer Ganztagsschule keine Hausaufgaben mehr geben wird. Da aber das Konzept unserer Offene Ganztagsschule Hegholt keine ganztägige Verschulung bedeutet, werden zu Vertiefung des vormittäglichen Unterrichtsstoffes noch Hausaufgaben erteilt. Doch welch ein Fortschritt: Die Schwierigkeiten der Hausaufgaben müssen nicht mehr den Abend und das häusliche Familienleben belasten. Wer möchte, kann täglich eine Hausaufgabenhilfe aufsuchen, die von Klassen-, Fachlehrern und Studenten in den Räumen der Schule angeboten werden. Ich habe zudem erlebt, dass einigen Schülern sehr dringend empfohlen wurde, die Hausaufgabenhilfe täglich aufzusuchen. Das finde ich von der Schule verantwortungsvoll, für die Eltern beruhigend und für den Schüler hilfreich.

Am umfangreichen Kursangebot erkennt man, dass die Vielzahl und Verschiedenheit nicht nur im Laufe der Jahre gewachsen ist, sondern dass die enge Verzahnung mit dem Stadtteil dazu beigetragen hat, dass etliche außerschulische Kompetenzen mit eingebunden werden konnten. So entstand eine vielfältige Mischung von unterrichtsunterstützenden und –ergänzenden Kursen wie Lernwerkstätten für Deutsch, Mathematik und Englisch, Klassenkursen für die Schüler der Beobachtungsstufe, in denen die Klassenlehrer besonders auf die Wünsche der Schüler eingehen sowie Kurse, die durch Honorarkräfte erteilt werden und die mehr in den künstlerischen, musischen, sportlichen oder technischen Bereich gehören: So leitete beispielsweise ein Schauspieler einen Theaterkurs, eine Mitarbeiterin des Bramfelder Kulturladens einen Fotokurs zur Erstellung der so genannten Bramcards (Postkarten aus Bramfeld), ein Vereinstrainer einen Tischtenniskurs, ein Sportpädagoge der Streetgames einen Boxkurs, ein Maler den Kurs „Raum und Farbe", ein Tischler in seiner Werkstatt einen Werkkurs, eine Mutter aus dem Elternrat einen Kochkurs etc..

Durch den Ganztagsbetrieb habe ich meine Töchter nicht an die Schule verloren, im Gegenteil: Die Zeit im Hause ist entspannter, wir können uns der gemeinsamen Freizeit widmen. Nur ich bin jetzt öfter in der Schule, zurzeit fast täglich! Mit Schülern und in Kooperation mit der Erzieherin und der Sozialpädagogin betreibe ich vormittags den Schulkiosk und biete mittlerweile auch einen Nachmittagskurs zum Kioskbetrieb (Einkauf, Buchführung, Vorbereitung usw.) an. Nach nunmehr zehn Jahren Ganztagsschulerfahrung weiß ich, dass die damalige Entscheidung eine richtige war. Und wenn am Abend die letzten Schüler gebeten werden, den Videokurs zu beenden und die Schule zu verlassen, ist auch das ein Beleg dafür, wie wir uns mit der Ganztagsschule Hegholt identifizieren.

 

 

Auf einer Elternratssitzung im Jahr 1992 verkündigte uns der damalige Schulleiter Hr. Spodeck, das er mit dem Gedanken spielt, aus unserer Schule Hegholt eine Ganztagsschule werden zu lassen und stellte dies zur Diskussion. Die Meinungen im Elternrat gingen sehr auseinander. Ich war total dagegen; hatte ich doch wegen meiner Kinder meinen Job aufgegeben, damit ich am Nachmittag für sie da sein konnte. Ich fand den Gedanken einfach nur schrecklich, wollte aber selbstverständlich Menschen, die dringend Betreuung am Nachmittag brauchten diese Chance nicht verbauen und stimmte dafür. Alle Beteiligten (Lehrer, Eltern, Schulleitung) entschieden sich für die Offene Ganztagsschule da diese allen Beteiligten zugute kommt. Nach nunmehr zehn Jahren Ganztagsschulerfahrung kann ich sagen, das es die absolut richtige Entscheidung war.

Unsere Schule ist täglich von 8.00 Uhr bis 16.00Uhr für die Schüler geöffnet. Nicht alle Schüler halten sich an diese Öffnungszeiten, oft ist auch noch bis in den frühen Abend betrieb

auf dem Schulgelände Die Schüler identifizieren sich mit "ihrer Schule".

Der „normale Unterricht" findet bei uns in der Zeit von 8.15Uhr bis 13.45Uhr statt.

Dann kann jeder der es möchte, zum Mittagessen gehen und anschließend zur Hausaufgabenhilfe. Die Schüler, die nicht Mittagessen möchten oder Ihre Hausaufgaben lieber zu Hause machen, gehen in den Freizeitraum, auf den Sportrasen oder in das Schülercafe. Selbstverständlich dürfen die Schüler aber auch nach Hause gehen und falls sie am Nachmittag noch einen Kurs besuchen, wiederkommen. Das ist das Prinzip der Offenen

Ganztagsschule; es gibt keinen Zwang in der Schule bleiben zu müssen. Die Schüler werden angehalten, zwei Wahlpflichtkurse in den Nachmittag zu legen, aber 2/3 aller Schüler wählen jeden Tag einen Kurs, und Kurse gibt es reichlich.

In Klasse 5 und 6 gibt es z.B. 40 Kurse und in den Klassen 7 bis 10 weitere 30.

Hier eine kleine Auswahl: Computerkurse, Sportkurse, Schülerzeitung, Schreibwerkstatt,
Rechenwerkstatt, Kiosk, berufsorientierende Kurse es gibt eine Fülle von Kursen die hier den Rahmen sprengen würden.

Mittlerweile biete auch ich einen Kurs am Nachmittag für die Schüler an. Ich bin von diesem System der Ganztagsschule absolut überzeugt, aber ohne die Mitarbeit von Eltern, ehemaligen Schülern, Sportvereinen und engagierten Lehrern ist so ein Ganztagsbetrieb schwer aufrecht zu erhalten. Glücklicherweise gibt es an unserer Schule eine ganze Menge davon. Die Anmeldezahlen an unserer Schule sprengen den Rahmen und geben dem Konzept recht.

Ich würde mir wünschen, dass es mehr Schulen nach unserem Modell hier am Hegholt gibt.

Cornelia Prüter-Rabe

Elternratsvorsitzende

Offene Ganztagsschule Hegholt